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Zurück in die Zukunft HARZ 5.0

Warum nicht mal einen echten Kindheitsklassiker neu entdecken? Viele ungewöhnliche Orte und Menschen machen den Harz zu einem spannenden Urlaubsziel der Neuzeit...

 

Der Frühling setzt sich unweigerlich gegen die letzten Nachwehen der kalten Jahreszeit durch, und ich beschließe, dem Harz, Deutschlands schönstem Mittelgebirge, einen Wochenendbesuch abzustatten. Wer noch vor ein paar Jahren selbstbewusst in die Runde warf, dass er seinen Urlaub im Harz plane, erntete im günstigsten Fall überraschte und aufmunternde Blicke. Der überwiegende Teil des Bekanntenkreises klopfte eher sacht auf die Schulter und fragte, ob denn alles gut liefe oder man womöglich eine Sinnkrise hätte. Der Harz galt lange als der VW Variant unter den Reisezielen, wohl praktisch, aber eher langweilig. Die Toskana und Frankreichs Süden spielten Champions-League und die Region rund um die Goslar kickte fleißig in der Regionalliga.

Doch mit dem Sturz der Grenztürme, war schon die erste Überraschung laut vernehmbar, Quedlinburg, Wernigerode und der Brocken erschienen über Nacht und etablierten sich umgehend als touristische Deutschlandziele. Kein Berg in Deutschland wird so vielköpfig bestiegen wie der Brocken, der höchste Berg im erwachten Gebirge. Neue Hotels entstanden in alten Mauern und Skikanonen wurden im Winter an den Abfahrtshängen in Stellung gebracht. Es wurden Omas Möbel aus den Ferienwohnungen geräumt, die alten Tapeten von den Wänden gerissen und man verordnete sich zunehmend eine helle skandinavische Stilausrichtung. Der dunkle Wald, der schon in Goethes Faust geschildert wurde, sollte heller in seiner Ausstrahlung werden. Dass er lichter wurde, war allerdings nicht geplant bei der scheinbar großen Umstrukturierung. Warme Sommer brachten aktive Wanderer auf den Brocken, aber auch fresswütige Borkenkäfer unter die Rinde der Bäume. Wüste Landschaften, geprägt durch aufragende Baumrümpfe und aufgeworfene Erdhügel, sind die Antwort des Oberharzes auf die Klimaerwärmung. Doch auch in diesem scheinbaren Chaos ruht offenbar Ordnung und System.

Ein Förster mit Durchblick

Wer an kompetenter Stelle nachfragt, wird mit hoffnungsvollen Fakten belohnt. Ich bin auf das Forstamt nach Clausthal gefahren und habe mich von Förster Michael Rudolph über den gegenwärtigen Stand von Flora und Fauna aufklären lassen. Der Förster erzählt mir bei einem Naturspaziergang, dass gerade der Nationalpark eine harte Phase durchmache, aber das wäre in erster Linie den vergangenen Monokulturen und den letzten Dürrejahren geschuldet. Michael Rudolph beruhigt den Wanderer und Naturfreund mit dem Statement, dass jetzt schon kräftiges Grün zwischen gekipptem Holz seinen Weg zur Sonne findet. „Nur heute wird nicht mehr auf das schnelle Wachstum der Fichte gesetzt, heute dominieren Buchen, Eichen, Birken und Douglasien, wir setzen viel stärker auf Diversität als unsere Vorgänger. Wir wissen allerdings auch, dass wohl erst unsere Kinder von der neuen Vielfalt profitieren werden.“ Der Förster erklärt in diesem Zusammenhang, dass er keinem seiner Vorgänger wegen der Monokulturen einen Vorwurf machen würde. „Zum Zeitpunkt, als die Fichten gesetzt wurden, brauchte man zeitnah Bauholz, der zweite Weltkrieg hatte tiefe Spuren hinterlassen und das Land musste wieder aufgebaut werden, das machte den Harz zum Fichtenwald, jetzt bringen wir ihn wieder zurück zum Mischwald.“ Diese Natur-Metamorphose kann man sinnbildlich auf das komplette Erscheinungsbild des Harzes übertragen, dort wo früher Sahnetorte und banaler Hexentanz die Vorstellung des Besuchers nährte, regieren heute Baumwipfel-Pfade und hervorragend ausgebaute Mountain-Bike-Strecken. Die tiefen Wälder sind immer noch unheimlich und ein Reich für Luchs und Rothirsch. Neben Goethe und Heine suchten gerade die Gebrüder Grimm in diesen Wäldern die Kulissen für ihre Märchen. Bei meiner kleinen Harzreise stelle ich an verschiedenen Orten den Wandel vom eher biederen Urlaubsidyll hin zur angesagten Familien-Destination fest.

Ein Barista mit Weitblick

Ein gutes Beispiel ist die Kaffeerösterei Schnibbe in Bad Lauterberg. Der Kaffeeröster und Barista Mark Schnibbe war es leid, dass man die Region immer noch mit Kräuterlikör und Kännchen Kaffee gleichsetzte und beschloss seinen eigenen Kaffee zu entwickeln. Er bereiste diverse Kaffee-Plantagen und Kooperativen in Südamerika. Er informierte sich in Gesprächen mit Arbeitern über die Bedingungen des Anbaus und baute sich nach und nach ein Netzwerk von unterschiedlichen Kaffeeproduzenten auf, welche die kleine Rösterei am Harzrand mittlerweile mit Kaffeebohnen aus der ganzen Welt versorgen.

Seit mehreren Jahren vertreibt Schnibbe seinen Kaffee überaus erfolgreich deutschlandweit. „Tradition ist eine schöne Geschichte, aber junge Familien aus Hamburg oder Berlin wollen letztendlich die urbanen Annehmlichkeiten der Metropole mit dem Naturaspekt des Harzes verknüpft haben, da kann man das Gebirge nicht mehr vermitteln wie in den 60er Jahren“, erklärt Schnibbe und diese Maxime, die für seine Rösterei gilt, wird auch beim Bauen neuer Unterkünfte zum neuen Leitsatz vieler Bauherren und Hoteliers.

In Bad Harzburg kann der Besucher in Baumhäusern seinen Urlaub verbringen, am Torfhaus sind wie in Bad Lauterberg und St. Andreasberg stilsichere Holzhäuser entstanden, die man eher in den Norden Skandinaviens verorten möchte. Der hochangesehene britische Architekt David Chipperfield baut gerade ein Jugendstil-Sanatorium in Braunlage um, hier ziehen Klassikkonzerte und Architekturspaziergänge den Besucher neuerdings jedes Wochenende in Bann.

Ein Kiosk im Waldparadies

In dem kleinen Ort Sieber findet sich ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Trend-Metamorphose im tiefen Wald. Eine IT-Fachfrau und ein Lichtkünstler, die beide ihr Geld zuvor in deutschen Großstädten verdient hatten, ersteigerten sich vor Jahren ein leerstehendes Ausflugslokal und bauten es zur angesagten „Theke“ samt Biergarten um. Der „Paradies-Kiosk“ hat sich mittlerweile zum alternativ kulturellen Hotspot gewandelt. Die Betreiber versichern mir im Gespräch, dass sie sich mit ihren Leseabenden und Konzer- ten mittlerweile ein treues Publikum erspielt hätten. Highlight sind die Open-Air Konzerte, wenn der Lichtkünstler Andre die gesamte „Paradies-Szenerie“ in ein fast magisches Licht taucht und Musik die Weiten des Waldes beschallt.

Ein Wald voller Hochkultur

Der Harz erinnert nicht nur hier an einen Organismus, der sich immer aufs Neue häuten muss, um sich weiterzuentwickeln. Festzuhalten ist, dass hier Hochkultur auf sattes Waldgrün trifft. Allein fünf Verzeichnungen im UNESCO Welterbe Kultur hat die Region zu bieten. Ob man die Kaiserring-Träger Anselm Kiefer oder Andreas Gursky in Goslar treffen oder das Geburtshaus Martin Luthers besuchen möchte, man findet gerade in den alten, aber hervorragend renovierten Städten wie Quedlinburg und Ilsenburg architektonisch hoch gehandelte Kontrastpunkte zum „Wanderolymp“ des Oberharzes.

So ist mein kompakter Wochenendtrip leider viel zu kurz angedacht, ich komme zu guten Gesprächen, denn der Harzer teilt sich gern mit und überrascht seinen Gesprächspartner immer wieder mit unerwarteten Statements. So erklärten mir die zwei Künstler vom Paradies-Kiosk am Ende eines schönen Interviews, dass sie erst im Harz das gefunden hätten, was sie zuvor in Hamburg, München und Berlin vergeblich gesucht hätten – schlicht einen Ort, der wesentlich mehr gibt, als er nimmt. Das Leben kann manchmal einfach sein.

Autor: Wolfgang Siesing

© Fotos: Wolfgang Siesing, unsplash.com (marina-reich), pixabay.com

Wolfgang Siesing
Wolfgang Siesing, Fotograf und Autor ist in Berlin beheimatet und sucht weltweit nach den besonderen Highlights unserer Erde und zuhause vorwiegend seine Brille und Autoschlüssel.
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Der Frühling setzt sich unweigerlich gegen die letzten Nachwehen der kalten Jahreszeit durch, und ich beschließe, dem Harz, Deutschlands schönstem Mittelgebirge, einen Wochenendbesuch abzustatten. Wer noch vor ein paar Jahren selbstbewusst in die Runde warf, dass er seinen Urlaub im Harz plane, erntete im günstigsten Fall überraschte und aufmunternde Blicke. Der überwiegende Teil des Bekanntenkreises klopfte eher sacht auf die Schulter und fragte, ob denn alles gut liefe oder man womöglich eine Sinnkrise hätte. Der Harz galt lange als der VW Variant unter den Reisezielen, wohl praktisch, aber eher langweilig. Die Toskana und Frankreichs Süden spielten Champions-League und die Region rund um die Goslar kickte fleißig in der Regionalliga.

Doch mit dem Sturz der Grenztürme, war schon die erste Überraschung laut vernehmbar, Quedlinburg, Wernigerode und der Brocken erschienen über Nacht und etablierten sich umgehend als touristische Deutschlandziele. Kein Berg in Deutschland wird so vielköpfig bestiegen wie der Brocken, der höchste Berg im erwachten Gebirge. Neue Hotels entstanden in alten Mauern und Skikanonen wurden im Winter an den Abfahrtshängen in Stellung gebracht. Es wurden Omas Möbel aus den Ferienwohnungen geräumt, die alten Tapeten von den Wänden gerissen und man verordnete sich zunehmend eine helle skandinavische Stilausrichtung. Der dunkle Wald, der schon in Goethes Faust geschildert wurde, sollte heller in seiner Ausstrahlung werden. Dass er lichter wurde, war allerdings nicht geplant bei der scheinbar großen Umstrukturierung. Warme Sommer brachten aktive Wanderer auf den Brocken, aber auch fresswütige Borkenkäfer unter die Rinde der Bäume. Wüste Landschaften, geprägt durch aufragende Baumrümpfe und aufgeworfene Erdhügel, sind die Antwort des Oberharzes auf die Klimaerwärmung. Doch auch in diesem scheinbaren Chaos ruht offenbar Ordnung und System.

Ein Förster mit Durchblick

Wer an kompetenter Stelle nachfragt, wird mit hoffnungsvollen Fakten belohnt. Ich bin auf das Forstamt nach Clausthal gefahren und habe mich von Förster Michael Rudolph über den gegenwärtigen Stand von Flora und Fauna aufklären lassen. Der Förster erzählt mir bei einem Naturspaziergang, dass gerade der Nationalpark eine harte Phase durchmache, aber das wäre in erster Linie den vergangenen Monokulturen und den letzten Dürrejahren geschuldet. Michael Rudolph beruhigt den Wanderer und Naturfreund mit dem Statement, dass jetzt schon kräftiges Grün zwischen gekipptem Holz seinen Weg zur Sonne findet. „Nur heute wird nicht mehr auf das schnelle Wachstum der Fichte gesetzt, heute dominieren Buchen, Eichen, Birken und Douglasien, wir setzen viel stärker auf Diversität als unsere Vorgänger. Wir wissen allerdings auch, dass wohl erst unsere Kinder von der neuen Vielfalt profitieren werden.“ Der Förster erklärt in diesem Zusammenhang, dass er keinem seiner Vorgänger wegen der Monokulturen einen Vorwurf machen würde. „Zum Zeitpunkt, als die Fichten gesetzt wurden, brauchte man zeitnah Bauholz, der zweite Weltkrieg hatte tiefe Spuren hinterlassen und das Land musste wieder aufgebaut werden, das machte den Harz zum Fichtenwald, jetzt bringen wir ihn wieder zurück zum Mischwald.“ Diese Natur-Metamorphose kann man sinnbildlich auf das komplette Erscheinungsbild des Harzes übertragen, dort wo früher Sahnetorte und banaler Hexentanz die Vorstellung des Besuchers nährte, regieren heute Baumwipfel-Pfade und hervorragend ausgebaute Mountain-Bike-Strecken. Die tiefen Wälder sind immer noch unheimlich und ein Reich für Luchs und Rothirsch. Neben Goethe und Heine suchten gerade die Gebrüder Grimm in diesen Wäldern die Kulissen für ihre Märchen. Bei meiner kleinen Harzreise stelle ich an verschiedenen Orten den Wandel vom eher biederen Urlaubsidyll hin zur angesagten Familien-Destination fest.

Ein Barista mit Weitblick

Ein gutes Beispiel ist die Kaffeerösterei Schnibbe in Bad Lauterberg. Der Kaffeeröster und Barista Mark Schnibbe war es leid, dass man die Region immer noch mit Kräuterlikör und Kännchen Kaffee gleichsetzte und beschloss seinen eigenen Kaffee zu entwickeln. Er bereiste diverse Kaffee-Plantagen und Kooperativen in Südamerika. Er informierte sich in Gesprächen mit Arbeitern über die Bedingungen des Anbaus und baute sich nach und nach ein Netzwerk von unterschiedlichen Kaffeeproduzenten auf, welche die kleine Rösterei am Harzrand mittlerweile mit Kaffeebohnen aus der ganzen Welt versorgen.

Seit mehreren Jahren vertreibt Schnibbe seinen Kaffee überaus erfolgreich deutschlandweit. „Tradition ist eine schöne Geschichte, aber junge Familien aus Hamburg oder Berlin wollen letztendlich die urbanen Annehmlichkeiten der Metropole mit dem Naturaspekt des Harzes verknüpft haben, da kann man das Gebirge nicht mehr vermitteln wie in den 60er Jahren“, erklärt Schnibbe und diese Maxime, die für seine Rösterei gilt, wird auch beim Bauen neuer Unterkünfte zum neuen Leitsatz vieler Bauherren und Hoteliers.

In Bad Harzburg kann der Besucher in Baumhäusern seinen Urlaub verbringen, am Torfhaus sind wie in Bad Lauterberg und St. Andreasberg stilsichere Holzhäuser entstanden, die man eher in den Norden Skandinaviens verorten möchte. Der hochangesehene britische Architekt David Chipperfield baut gerade ein Jugendstil-Sanatorium in Braunlage um, hier ziehen Klassikkonzerte und Architekturspaziergänge den Besucher neuerdings jedes Wochenende in Bann.

Ein Kiosk im Waldparadies

In dem kleinen Ort Sieber findet sich ein weiteres Beispiel für eine erfolgreiche Trend-Metamorphose im tiefen Wald. Eine IT-Fachfrau und ein Lichtkünstler, die beide ihr Geld zuvor in deutschen Großstädten verdient hatten, ersteigerten sich vor Jahren ein leerstehendes Ausflugslokal und bauten es zur angesagten „Theke“ samt Biergarten um. Der „Paradies-Kiosk“ hat sich mittlerweile zum alternativ kulturellen Hotspot gewandelt. Die Betreiber versichern mir im Gespräch, dass sie sich mit ihren Leseabenden und Konzer- ten mittlerweile ein treues Publikum erspielt hätten. Highlight sind die Open-Air Konzerte, wenn der Lichtkünstler Andre die gesamte „Paradies-Szenerie“ in ein fast magisches Licht taucht und Musik die Weiten des Waldes beschallt.

Ein Wald voller Hochkultur

Der Harz erinnert nicht nur hier an einen Organismus, der sich immer aufs Neue häuten muss, um sich weiterzuentwickeln. Festzuhalten ist, dass hier Hochkultur auf sattes Waldgrün trifft. Allein fünf Verzeichnungen im UNESCO Welterbe Kultur hat die Region zu bieten. Ob man die Kaiserring-Träger Anselm Kiefer oder Andreas Gursky in Goslar treffen oder das Geburtshaus Martin Luthers besuchen möchte, man findet gerade in den alten, aber hervorragend renovierten Städten wie Quedlinburg und Ilsenburg architektonisch hoch gehandelte Kontrastpunkte zum „Wanderolymp“ des Oberharzes.

So ist mein kompakter Wochenendtrip leider viel zu kurz angedacht, ich komme zu guten Gesprächen, denn der Harzer teilt sich gern mit und überrascht seinen Gesprächspartner immer wieder mit unerwarteten Statements. So erklärten mir die zwei Künstler vom Paradies-Kiosk am Ende eines schönen Interviews, dass sie erst im Harz das gefunden hätten, was sie zuvor in Hamburg, München und Berlin vergeblich gesucht hätten – schlicht einen Ort, der wesentlich mehr gibt, als er nimmt. Das Leben kann manchmal einfach sein.

Autor: Wolfgang Siesing

© Fotos: Wolfgang Siesing, unsplash.com (marina-reich), pixabay.com

Wolfgang Siesing
Wolfgang Siesing, Fotograf und Autor ist in Berlin beheimatet und sucht weltweit nach den besonderen Highlights unserer Erde und zuhause vorwiegend seine Brille und Autoschlüssel.
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