Reisewissen | Interviews

Menschen an den Rändern der WELT

Auf seinen Reisen besuchte Ausnahmefotograf Markus Mauthe 22 indigene Volksgruppen. Er traf Menschen in Tropenwäldern, in Gebirgen, in Wüsten, auf dem Ozean und im eisigen Norden. Dafür brach er unter anderem in das abgeschiedene Tal des Omo in Äthiopien auf. Seine Erlebnisse hat er in außergewöhnlichen Aufnahmen fest gehalten.

Lost. Menschen an den Rändern der Welt. (© Fotos: Markus Mauthe und Simon Strätker)

"Ich möchte ein Feuer der Begeisterung entfachen"

Mehr als drei Jahre bereiste Naturfotograf und Klimaschützer Markus Mauthe die entlegensten Winkel unserer Erde. Er besuchte und fotografierte indigene Volksgruppen weltweit. Aus seinem Fotomaterial entstand ein sensibler, authentischer Bildband: „LOST. Menschen an den Rändern der Welt“. In Kooperation mit Greenpeace ist Markus Mauthe die kommenden drei Jahre auf Vortrags-Tournee in verschiedenen Städten Deutschlands unterwegs. Im Interview erzählt er, wie rasant sich die Lebensbedingungen der Menschen „an den Rändern der Welt“ wandeln.

DIE NEUE ReiseLust: Seit 30 Jahren sind Sie mit Ihrer Kamera unterwegs. Diesmal stehen Menschen im Fokus Ihrer Arbeit: Sie haben es sich zum Auftrag gemacht, indigene Gemeinschaften zu porträtieren. Wie kam es dazu?

Markus Mauthe: Der Schwerpunkt meiner Arbeit lag in den vergangenen Jahren darauf, die Vielfalt und Schönheit der Natur abzubilden. Meine Fotos habe ich immer gezielt genutzt, um auf Veränderungen hinzuweisen, denen die Natur ausgesetzt ist. Das aktuelle Projekt nimmt die Perspektive derer ein, die enger mit der Natur verbunden sind, als der Großteil der Menschen heute.

Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihrer Arbeit? Was treibt Sie an?

Ich hatte und habe das Privileg, in meinem Leben viel reisen zu dürfen. Dies hat mir die Möglichkeit eröffnet, sehr viel von unserem Planeten zu erkunden. Diese Erfahrung möchte ich gern weitergeben. Das Feuer meiner eigenen Begeisterung für die Schönheit und Vielfalt intakter Natur und deren Bewohner möchte ich mit meiner Arbeit bei möglichst vielen Menschen entfachen; denn nur was wir lieben, das sind wir auch bereit zu schützen.

Sie haben 13 Reisen unternommen und 22 indigene Volksgruppen besucht. Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Auswahl getroffen?

Ich hatte zwei Ansätze. Zum einen wollte ich die ungeheure Anpassungsfähigkeit des Menschen darstellen. Deshalb habe ich vier unterschiedliche Lebensräume ausgewählt: Wald, Grasland, Wasser und Eis. Dafür war ich in Afrika, in Asien, am Nordpolarkreis und in Südamerika unterwegs.
Ich versprach mir davon eine Fülle an spannenden Geschichten und Motiven, denn das Leben im heißen Tropenwald erfordert natürlich andere Fähigkeiten als das Überleben bei 50 Grad unter Null im arktischen Norden. Außerdem wollte ich kulturelle Besonderheiten dokumentieren – wie z. B. die Gesichtstätowierungen der Chin Frauen in Myanmar.

Wie war es Ihnen möglich, die Menschen vor Ort kennenzulernen?

Jede Begegnung verläuft anders. Es macht einen großen Unterschied, ob man zu Menschen reist, die an Touristen gewohnt sind, oder Dörfer besucht, die weniger Kontakt mit Besuchern aus anderen Kulturkreisen haben. Grundsätzlich habe ich immer einen einheimischen Guide bei mir, der mit den Verhaltensweisen in der jeweiligen Gemeinschaft vertraut ist – und auch deren Sprache spricht. Wo es möglich war, sind wir über einen Zeitraum von mehreren Tagen in den Dörfern und Gemeinschaften geblieben.

Einige Destinationen haben Sie nicht zum ersten Mal besucht. Wie haben Sie es erlebt, zurückzukehren?

Ich habe das Projekt mit dem südlichen Afrika begonnen, weil mir die Gegend von einer Reise Anfang der neunziger Jahre vertraut war. Da bisher Landschaften und Tiere mein fotografisches Metier waren, hatte ich Respekt vor der Herausforderung, mich nun mit Menschen zu beschäftigen. Es tat gut, nicht mit etwas gänzlich Unbekanntem zu beginnen, und so habe ich die San und Himba besucht. Schon diese erste Reise hat gezeigt, was sich wie ein roter Faden durch die Arbeit gezogen hat: Die Welt ist in einem rasanten Wandel. Die Kultur der San findet praktisch nur noch in Schaudörfern für Touristen statt, und die Himba kämpfen im nördlichen Namibia um das Überleben ihrer Rinder, weil es in dieser sowieso trockenen Gegend immer weniger regnet.

Gab es indigene Gemeinschaften, die Sie besonders beeindruckt haben?

Beeindruckt war ich von allen Besuchen. Der Großteil dieser Menschen lebt unter Bedingungen, die für uns, mit unserem westlichen Lebensstil, kaum erträglich wären. Sei es wegen des Mangels an sauberem Wasser oder einer ausgewogenen Ernährung, extremen Umweltbedingungen wie Hitze oder Kälte, oder dem Fehlen von jeglicher Bequemlichkeit. Zwei Begegnungen fand ich besonders beachtenswert: Die Volksgruppe der Mundari lebt im Südsudan nur wenige Autostunden von der Hauptstadt Juba entfernt. Diese Weltregion kennt seit vielen Jahrzehnten nur den Zustand des bewaffneten Konflikts. Trotzdem ist die Gemeinschaft der Mundari bis heute in ihren sozialen und kulturellen Strukturen intakt. Sie leben in enger symbolischer Verbindung mit ihren großhornigen Rindern, worüber sie auch ihre kulturelle Identität definieren.
Auch die Padaung, ein Bergvolk in Myanmar, sind mir stark in Erinnerung geblieben. Die Frauen tragen zeitlebens schwere Messingringe um ihren Hals, die ihre Schultern nach unten drücken, was den Hals länger wirken lässt. In Zeiten der Globalisierung verschwindet heute ein Großteil der kulturellen Eigenheiten. Deshalb finde ich es umso erstaunlicher, daß gerade diese Tradition freiwillig weitergeführt wird. Auch heute noch tragen viele junge Mädchen stolz ihre im Laufe des Lebens zahlreicher werdenden Ringe um den Hals.

Welche persönlichen Begegnungen haben Sie besonders berührt?

Im Omo-Tal im Süden Äthiopiens werden massiv Industrieprojekte angeschoben. Landraub in großem Stil ermöglicht Zuckerrohrfelder riesigen Ausmaßes. Diese müssen bewässert werden, weshalb der Omofluss seit kurzem mit Staudämmen gezähmt wird. In diesem Gebiet gibt es eine ungeheure Vielfalt verschiedener Ethnien, die auf relativ kleiner Fläche zusammenleben. Eine davon ist die Gruppe der Dasanech. Die Existenz dieser Menschen ist stark durch die Staudämme bedroht. Die Regenzeit brachte jährliche Überschwemmungen, mit denen der Fluss wichtige Mineralien über ihre Felder gespült hat. Diese wird es in Zukunft nicht mehr geben, was praktisch die Lebensgrundlage der Dasanech zerstört. Immer öfter sieht man im Omo-Tal die weißen Zelte der Welthungerhilfe. Mit Almosen, auch noch in Plastik verpackt, versucht die westliche Welt etwas zurückzugeben, was man den Menschen an anderer Stelle entreißt. „Wir brauchen eure Hilfe nicht! Wir benötigen nur das Wasser aus unserem Fluss.“
Dieser Satz einer Dasanech – schon fast in flehendem Ton ausgesprochen, als ich sie interviewt habe – ist ein Schlüsselmoment des gesamten Projektes für mich gewesen. Bringt er doch auf den Punkt, was ich an so vielen anderen Stellen der Erde auch beobachten konnte: Das Schicksal einiger vermeintlich Rückständiger wird einem Weltbild geopfert, in dem Profit und ein möglichst rasches Angleichen an westliche Vorstellungen einer modernen Lebensweise oberste Priorität haben.

Sie arbeiten auf ihren Reisen immer wieder unter erschwerten Bedingungen. Welche Herausforderungen gab es bei diesem Projekt?

Oft war die Logistik vor dem Start eine Herausforderung. Eine Reise in den Südsudan erschien trotz endloser Recherchen jahrelang als völlig unmöglich. Durch Zufall und Glück habe ich schließlich die richtigen Leute gefunden, die das scheinbar Unmögliche wahrmachen konnten.
Auch für meinen Besuch bei den Rentiernomaden der Tschuktschen war der schwierigste Teil die Zeit vor dem Aufbruch. Es erwies sich als ungeheuer aufwendig, überhaupt eine Erlaubnis für eine Exkursion in Russlands nordöstlichste Region zu bekommen. Einmal stand ich praktisch schon mit gepackten Sachen an der Haustür, als die Nachricht kam, dass der Geheimdienst unsere Genehmigung zurückgezogen hatte.
Die genauen Hintergründe kenne ich bis heute nicht. Ich weiß nur, daß sich die Mühen trotzdem gelohnt haben, denn drei Monate später hat es bei einem erneuten Versuch geklappt.
Mit einer guten Planung und einem zuverlässigen Team kann man heute relativ sicher fast jeden Winkel der Erde bereisen.
Aber natürlich kann einem dabei Unvorhergesehenes widerfahren. Geschwächt durch einen Infekt, dachte ich bei der Besteigung eines Bergzuges im Südsudan beispielsweise, ich müsse verdursten, weil sich das dortige Wasser als ungenießbar erwies. Aber auch wenn es für mich zuweilen an meine körperlichen Grenzen ging, hat doch alles immer recht gut geklappt.

Was hat Sie aus fotografischer Sicht an Ihrem Projekt am meisten gereizt?

Ich habe in den dreißig Jahren als Fotograf hart daran gearbeitet, einen eigenen künstlerischen Stil zu entwickeln, von dem ich hoffe, dass er viele Menschen anspricht. Diese Entwicklung ist nie zu Ende. So habe ich mich vor einigen Jahren überwunden – und mit dem Tauchen begonnen. Das hat geklappt! Ähnlich war es mit den indigenen Gemeinschaften. Am wichtigsten war mir, die Schönheit und Würde eines jeden Einzelnen zu zeigen. Ich habe versucht herauszuarbeiten, was sie einzigartig macht. Alles was auf meinen Fotos zu sehen ist, ist Realität. Das Wissen und die traditionellen Fähigkeiten sind noch da. In seltenen Fällen wurde ein Kleidungsstück für eine Aufnahme übergezogen oder wurden Fähigkeiten gezielt aufgeführt, weil sie im Alltag kaum noch Verwendung finden.
Die Phase des Übergangs in die Moderne ist in vollem Gang. In zehn Jahren werden viele dieser Motive so nicht mehr möglich sein. Die neue Welt lässt Rituale und Tänze langweilig, Werkzeuge und Fertigkeiten ÜberflÜssig werden und Schönheitsideale wandeln. Als ich das Projekt begonnen habe, war mir bewusst, dass es in mancherlei Hinsicht ein Wettlauf mit der Zeit sein würde.

Welche konkreten Umwelt- und Klimaprobleme konnten Sie auf Ihren Reisen beobachten?

Das Problem mit den Problemen ist, dass wir sie zu oft losgelöst voneinander betrachten – und häufig nicht nach ganzheitlichen Lösungen suchen. Jeder kann heute in den Medien wahrnehmen, dass wir die Regenwälder in Besorgnis erregendem Ausmaß vernichten, dass wir unsere Savannen in Agrarwüsten umwandeln, Tierarten mit der Wilderei an die Ausrottung treiben, unsere Ozeane überfischen und mit Plastik zumüllen.
Genauso verschwinden durch den Einsatz von Pestiziden die Insekten, was verheerende Auswirkungen auf unsere Nahrungsmittelversorgung haben wird. Der Klimawandel ist am Ende nichts anderes als das Ergebnis der maßlosen Übernutzung der natürlichen Ressourcen.
Gerade an den vermeintlichen „Rändern der Welt“ habe ich diese Entwicklungen immer wieder vor Augen gehabt. Als wir im Norden Russlands waren, ist das arktische Packeis sechs Wochen früher aufgebrochen als üblich. In vielen Teilen Afrikas leiden die Menschen an Dürrekatastrophen, weil es immer weniger regnet. Ich habe im Südsudan für kurze Zeit persönlich erlebt, was es bedeutet, keinen Zugang zu gutem Trinkwasser zu haben. Es war ein Alptraum, aus dem ich erwachen durfte – aber Millionen Menschen nicht.
Auch in Brasilien ändert sich das Klima schon wahrnehmbar. Durch die Vernichtung des Amazonas regnet es immer weniger, dazu versiegen Quellen. Der Wald verliert seine Fähigkeit Kohlenstoff zu absorbieren, was letztendlich Auswirkungen auf das globale Klima haben wird. Als ich in den Randbereichen des Amazonas unterwegs war, haben in Brasilien über 200.000 Feuer gebrannt, meistens durch Menschenhand gelegt.
Inzwischen gibt es auch immer weniger wirklich unberührte Wildnis. In Äthiopien zum Beispiel ist der Bevölkerungsdruck so groß, dass in den meisten Nationalparks inzwischen zehntausende Menschen leben. All diese Probleme sind nur zu lösen, wenn wir uns an den Kern der Sache wagen. Die komplette Abkehr von fossilien Brennstoffen, und zwar zügig! Dazu brauchen wir eine neue Wirtschaftsordnung, die nicht auf endlosem Wachstum basiert, und durch immer mehr Konsum am Leben gehalten werden kann. Wir haben nur diesen einen Planeten, und der muss in Zukunft bis zu 12 Milliarden Menschen ernähren.
Das kann er nur schaffen, wenn wir aufhören, ihn kaputt zu machen. Unsere kapitalistische Denke, Landraub, die Ressourcenverschwendung der westlichen Welt – das alles hat insbesondere dort Einfluss, wo man selten hinschaut, wo Menschen bis heute anders leben.
Dass sich ihre Lebensweise verändern wird, ist ein natürlicher und stetiger Prozess. Die Frage ist nur, wodurch dieser Prozess vorangetrieben wird. Mich hat die fotografische Arbeit mit den Indigenen zutiefst in meiner Meinung bestärkt, dass der einzig gangbare Weg in die Zukunft für uns alle ein Weg in nachhaltigere Gesellschaftsformen sein muss.

Vielen Dank für das Gespräch!

Zu gewinnen...

Wir verlosen ein Exemplar des Bildbandes "Lost. Menschen an den Rändern der Welt" im Wert von 50 Euro, der 2018 im Knesebeck Verlag erschienen ist.

Einfach eine Postkarte senden an: ICONOMIC Werbeagentur GmbH, Schleehofstraße 10a, 97209 Veitshöchheim/Würzburg.

Teilnahmebedingungen:
Einsendeschluss ist der 15.3.2019. Teilnahmeberechtigt sind Personen ab 18 Jahren, unter denen der Gewinn einmalig verlost wird. Eine Barauszahlung des Gewinnwertes ist nicht möglich. Eine Mehrfachteilnahme ist nicht erlaubt. Nach der Ermittlung des Gewinners wird der Gewinn versendet. Mit Einwilligung der Teilnahmebedingungen werden Name, Anschrift, Telefonnummer und E-Mail-Adresse für die Zusendung des Gewinns verwendet. Sollte es nicht möglich sein, den Gewinn zu übermitteln, geht der Preis an eine andere Person. Mitarbeiter der NEUEN ReiseLust sowie der ICONOMIC Werbeagentur sind von der Teilnahme ausgeschlossen. Bei unseren Gewinnspielen und Verlosungen ist der Rechtsweg ausgeschlossen. Der Gewinner stimmt mit der Teilnahme an diesem Gewinnspiel der Übermittlung seiner Adressdaten an den Knesebeck Verlag zum Versand des Gewinnes zu.

Lost. Menschen an den Rändern der Welt. (© Fotos: Simon Strätker, Markus Mauthe)

 

© Fotos: Markus Mauthe, Simon Strätker, Knesebeck Verlag

15. Januar 2019

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