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Weiße Perle im Westen Europas LISSABON

Weiß und bunt, traditionell und modern, Dorf und Metropole, enge Gassen und weitläufige Sandstrände: Lissabon. Eine Stadt der Gegensätze, ganz am Rande Europas, aber mitten in unserem Herzen.

Blick auf die Küste von Lissabon (Foto: Turismo de Portugal)
Turismo de Portugal

Wie ein schönes Traumgesicht erhebt sich Lissabon schon von weither dem Reisenden, der sich auf dem Seeweg nähert, gestochen scharf vor einem strahlend blauen Himmel.“ So beschrieb Fernando Pessoa, einer der bedeutendsten Dichter Portugals, seine Heimatstadt Lissabon. Auch wenn ich bislang noch nicht in den ­Genuss kam, mich Portugals Hauptstadt im äußersten Westen Europas auf diesem Wege zu nähern – ich glaube es ihm aufs Wort.

Die Anreise per Flugzeug ist zudem nicht minder beeindruckend. In einem großen Bogen fliegen wir über die ­breite Mündungsbucht des Rio Tejo, an dem sich die weiße, zugleich fröhlich bunte Stadt an ihre sieben Hügel ­kuschelt. Majestätisch spannt sich die rote Hängebrücke über den Tejo und erinnert nicht grundlos an die Golden Gate Bridge in San Francisco.

Direkt neben der Brücke gelegen und ebenso gigantisch begrüßt uns die 28 Meter hohe Christusfigur – geschaffen nach dem Vorbild der Cristo-Redentor-Statue in Rio de Janeiro – mit weit ausgebreiteten Armen. Die beiden Werke verdankt Lissabon dem ehemaligen Diktator Salazar. Und sie wirken ­protziger, als es einer Stadt gerecht wird, die zwar das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum des Landes bildet, dabei aber den charmanten, unauf­geregten Charakter des „Dorfes“ bewahrt hat, das Fernando Pessoa so liebte.

Auf Lissabons höchstem Hügel thront die Burg, das maurische Castelo de São Jorge. Von hier aus hat sich die Stadt entwickelt. Die ältesten Stadtviertel Alfama und Mouraria liegen der Burg zu Füßen, weitestgehend verschont geblieben von dem Erdbeben, das die Stadt im Jahre 1755 schwer erschüttert und in großen Teilen zerstört hat.

Herrlich bequem ersparen wir uns den mühsamen Aufstieg zur Burg, indem wir einfach mit der nostalgischen Tram 28 hinauf fahren, der berühmtesten Straßenbahnlinie Lissabons. Das macht Spaß, schont die Füße und ist sogar ein wenig abenteuerlich.

Man mag kaum glauben, dass sich das alte ächzende Gefährt wirklich die steilen und engen Gässchen hinauf­zuschlängeln vermag. Teilweise sind sie so eng, dass die Tram gerade hindurch passt. Der Gegenverkehr muss warten. Und selbst für Fußgänger ist kein Platz mehr. Also flüchten sie rasch in den nächsten Hauseingang. Glücklich der Fahrgast, der einen Sitzplatz ergattern konnte. Wer steht, muss sich bei der Ruckelei gut festhalten. Am Miradouro Santa Luzia steigen wir aus. Von hier geht es dann doch zu Fuß weiter. Der Aussichtspunkt beeindruckt neben dem wundervollen Ausblick über das Dächermeer der Alfama und den Tejo auch durch den romantischen, wild begrünten Säulengang mit seinem maroden Charme, die Mauern reichlich verziert mit den für Portugal so typischen Azulejos.

Diese meist in Blautönen bemalten Fliesen trifft man überall in Lissabon an. Sie prägen das Stadtbild auf eine sehr liebenswerte Art und gefallen uns besonders gut dort, wo sie sich mit ­moderner Straßenkunst vermischen. Manche Kacheln sind einzeln mit ­Figuren oder Mustern bemalt, andere bilden Mosaikstücke eines großen Wandbildes, wie man es an der Außenwand der Miradouro-Kirche vorfindet: Es zeigt eine seltene Ansicht des Praça do Comércio vor dem Erdbeben.

Auf dem Weg hoch zur Burg schlendern wir durch verwinkelte Gassen und entdecken die schöne Bar „Restô“, die von der Theater- und Zirkusschule Chapitô betrieben wird. Ohne die kunstvolle Fassadengestaltung des Hauses wäre uns die eher unscheinbare Eingangstür der Bar vielleicht gar nicht aufgefallen, aber so ist unsere Neugier geweckt. Gut so, denn hinter der Tür führt uns eine Treppe zu einer ent­zückenden Dachterrasse. Weitere schöne Aussichten erwarten uns dann auf den Burgtürmen, als wir diese endlich erobern.

Einen Hügel weiter lockt uns der ­Bairro Alto, die „Oberstadt“ – ebenfalls ein Altstadtgebiet, dabei als Szene- und Ausgehviertel Lissabons um einiges lebhafter als die Alfama. Zwischen den beiden Hügeln liegt die „Unterstadt“, die Baixa Pombalina, in die uns die Tram – deren gesamte Route sich übrigens gut als Stadtrundfahrt ­eignet – zunächst wieder hügel­abwärts bringt.

Weil das bereits erwähnte Erdbeben hier gründlich gewütet hatte, ließ der damalige Premierminister Marquês de Pombal einen ganzen Stadtteil im Geiste der Aufklärung völlig neu errichten. Kerzengerade und rechtwinklig zueinander wie auf einem Schachbrett verlaufen seitdem die Straßen zwischen den beiden wichtigsten ­Plätzen Lissabons. Vom eleganten ­Praça do Comércio am Ufer des Tejo bis zum verkehrsreichen Rossio im Stadtzentrum reihen sich Geschäfte, Souvenirshops und touristisch orientierte Restaurants aneinander. Es herrscht reges Treiben. Und jemand ­offeriert uns nuschelnd Drogen.

Unser nächstes Ziel: Bairro Alto. Also wieder hügelaufwärts. Wir entscheiden uns für eine Fahrt mit dem Elevador de Santa Justa. Ein Liftboy bringt uns nach geraumer Wartezeit in einer holzver­täfelten Kabine des über 100 Jahre alten Personenaufzugs, einer verspielten Stahlkonstruktion, senkrecht eine Etage höher. Vorbei an den Ruinen des Klosters Convento do Carmo – vom allgegenwärtigen Erdbeben einst seines Daches beraubt und heute gern für Open-Air-Konzerte genutzt – gelangen wir zum Largo do Carmo.

Ein Rendezvous mit Fernando Pessoa

Dieser kleine Platz ist ebenso hübsch wie geschichtsträchtig – als entscheidender Austragungsort der Nelken­revolution von 1974. Hier stürzten die aufständischen Soldaten damals nahezu unblutig die herrschende Diktatur Marcello Caetanos. Jubelnde Menschen steckten ihnen daraufhin die berühmten Nelken in die Gewehrläufe.

Wir sind mitten im Chiado, ehemals Stadtteil der Intellektuellen und bis zu einem verheerenden Großbrand im Jahre 1988 das beste und nobelste Einkaufsviertel der Stadt mit mondänen Kaufhäusern und kleinen, schicken Boutiquen. Viele davon blieben nach dem Brand geschlossen. Der Wiederaufbau dauerte Jahre, doch inzwischen lässt sich das Geld hier wieder ganz gut ausgeben. Vornehmlich allerdings in Geschäften internationaler Handelsketten, wie man sie überall findet. ­Leider …

Das berühmte und traditionsreiche „Café A Brasileira“ blieb seinerzeit von den Flammen verschont. Hier sind wir mit Fernando Pessoa verabredet. Da sitzt er auch schon, draußen auf der Terrasse, und begrüßt uns: Kaffee und Schnaps? – Ja, gerne! ...

Okay, er sitzt natürlich immer da. Seit über zwanzig Jahren schon verharrt er am selben Tisch, ganz ohne Getränk übrigens. Und wenig redselig zudem, wie es Bronzestatuen eben so an sich haben. Das verschafft dem zu Leb­zeiten eher zurückhaltenden ­Menschen die zweifelhafte Ehre, von grinsenden Lissabon-Besuchern umzingelt und in zahlreichen Fotoalben verewigt zu werden. So auch in unserem – ja, ich gebe es zu.

Hungrig stehen wir kurz darauf am „Eckchen des Wohlbefindens“. So ungefähr lässt sich der charmante Name des Restaurants übersetzen: „O cantinho do bem-estar“. Eine Empfehlung von Freunden. Typisch portugiesische Küche gibt es hier, lecker und groß­zügig portioniert. Natürlich auch den obligatorischen Bacalhau – den Stockfisch, für den die Portugiesen angeblich an jedem Tag des Jahres mindestens ein Rezept parat haben. Spaß macht es auch, Fleisch vom heißen Stein zu bestellen. Man bekommt – erraten! – einen heißen Stein serviert. Dazu köstliches Fleisch in Streifen, zum Selberbraten.

Die Verniedlichung „Eckchen“ ist ­übrigens nicht nur metaphorisch zu verstehen und das überschaubare Platzangebot im Restaurant bei unserer Ankunft vorerst restlos ausgeschöpft. So frönen wir einer im Bairro sehr populären Tätigkeit: auf der ­Straße herumstehen. Wir trinken Bier und warten darauf, dass ein Platz frei wird . Es gibt Schlimmeres an solchen lauen Sommerabenden …

Wir sind in guter Gesellschaft. Je ­später der Abend, desto mehr Ausgehwillige – Touristen wie Lisboetas – tummeln sich hier. Stimmengewirr hallt durch die engen Gassen. Der Bairro hat sich tagsüber ausgeruht, wie es scheint. Nicht nur die Straßen, auch die ­Kneipen, Restaurants und Fado-Lokale füllen sich. Und davon gibt es viele. Hier lässt es sich gut essen, gut trinken, gut feiern.

Ungeahnte Dimensionen nimmt das bunte Treiben im Juni an. Dann finden in den historischen Stadtvierteln eine Reihe von Festen zu Ehren der Volksheiligen statt. Bunte Girlanden, Musik, Straßenstände und noch viel mehr gut gelaunte Menschen schmücken die Gassen. Und überall duftet es nach gegrillten Sardinen, einem wichtigen und traditionellen Bestandteil der Feier­lichkeiten. Daher wohl auch die Bezeichnung „Sardinenfest“, mit der uns das Event seitens unserer einheimischen Freunde angekündigt wurde.

Von seiner modernen Seite zeigt sich Lissabon ganz im Osten, am Tejo-Ufer. Bis 1998 gab es hier nicht viel mehr als eine Ölraffinerie, einen Müllplatz und einen Schlachthof. Doch eigens für die Weltausstellung 1998 entstand ein ganz neuer Stadtteil, der heutige „Park der Nationen“, mit einer Architektur der Superlativen. Zu Ehren des portugiesischen Seefahrers Vasco da Gama finden wir hier – jeweils auch nach ihm benannt – die längste Brücke Europas (17 km), einen Aussichtsturm, mit ­einer Höhe von 145 Metern das höchste ­Gebäude Portugals, sowie eines der größten Einkaufszentren der Stadt.

Das Ozeanarium schmückt sich mit keinen weiteren Namen, ist dennoch ebenfalls superlativ – das zweitgrößte weltweit. Hier treffen wir auf den Mondfisch. Und sind fasziniert. Zwar ist die Konkurrenz an attraktiven ­Fischen groß im „globalen Ozean“, ­einem riesigen Aquarium mit Panoramascheiben, doch der Mondfisch, obgleich wahrlich kein Schönling, ist der unbestrittene Star. Und das scheint er auch zu wissen. Majestätisch dreht der größte Knochenfisch der Welt seine Runden und lässt sich bestaunen.

Wir stehen inmitten einer Schul­klasse. Das laute, schnelle, portugiesische ­Kinderstimmengewirr steigert sich nochmals erheblich, als der Fisch auf uns zukommt und auf einmal ganz nah vor der Scheibe schwebt. Die Kinder sind in heller Aufregung. Der Fisch bleibt cool, mustert die Besucher nur kurz und schwimmt unbeeindruckt weiter.

Wo die großen Entdecker gestartet sind

Anhaltend strahlend blauer Himmel und bestes Badewetter verlocken uns indes, selber eine Runde schwimmen zu gehen. Wir setzen uns in die Schnellbahn „Linha de Cascais“ und verlassen die Stadt Richtung Westen und Küste. Schon bald erreichen wir Belém. Das „Denkmal der Entdeckungen“ erinnert daran, dass sich die portugiesischen Seefahrer von hier auf ihre Abenteuerreisen begaben. Auch zwei der bekanntesten Sehenswürdigkeiten Lissabons gilt es im ehemaligen Vorort zu bestaunen: das Jerónimus-Kloster sowie die alte Festung Torre de Belém.

Naschkatzen freuen sich zudem auf einen Besuch in der vermutlich berühmtesten Patisserie Portugals. Im „Casa Pastéis de Belém“ gibt es die ­originalen und angeblich besten ­Puddingtörtchen, „Pastéis de Nata“. Wahrlich lecker sind die, doch Surfen statt Süßes lautet gerade unsere ­Devise. Also fahren wir weiter mit der Bahn, entlang der Küste. Eine sehr schöne Strecke, die uns zu den noblen Bade­orten Estoril und Cascais führt.

An diesem Küstenabschnitt gibt es schon hübsche Strände, die „Hausstrände“ Lissabons sozusagen. Und wer die Atlantikküste noch weiter entlang fährt, findet dort einen Traumstrand nach dem anderen. Vor allem Surferherzen – sowohl die von Wind- als auch von Wellenlieberhabern – schlagen hier höher.

Den Praia do Guincho, nur einen ­Katzensprung von Cascais entfernt, zählen viele zu den schönsten ­Stränden Europas. Hinter windverwehten ­Dünen erstreckt sich ein weitläufiger weißer Sandstrand. Belebt, aber nicht über­laufen. Wir suchen uns zum Surfen den Strand bei Carcavelos aus. Wegen seines ruhigen Wellengangs. Und weil der Ort, noch vor Cascais gelegen, mit der S-Bahn von Lissabon aus hervorragend erreichbar ist.

Manuel, unser Surflehrer, schiebt uns in die Welle, ruft „Moooove, paddel, paddel, paddel!“. Und schon stehen wir stolz auf dem Brett und der Welle. Für einen kurzen Moment zumindest. Und freuen uns des Lebens in Lissabon.

Annette Anson

Fotos: Turismo de Portugal

24. Juni 2016

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