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Eine Reise in die Vergangenheit KLEINWALSERTAL

Als junges Mädchen verbrachte unsere Autorin hier in einem Hochgebirgs-Kinderheim wunderbare Wintermonate. Nun, mehr als 50 Jahre später, kehrte sie an diesen Ort zurück.

Panorama (© Foto: Alexander Rochau – Kleinwalsertal Tourismus eGen)

Es ist ein lauer Sommerabend, als wir Oberstdorf auf der Bundesstraße 19 passieren. Wenige Minuten später fahren wir über die Landesgrenze zu unseren südlichen Nachbarn. Ja, nun sind wir im Kleinwalsertal. Oder wie mancher augenzwinkernd sagt – in Österreichs schönster Sackgasse der Alpen.

Mein Herz schlägt schneller. Mit jedem Kilometer. Denn dies ist für mich eine Reise in die Vergangenheit. Sechs Monate lang, im Winter 1960/61, war das Kleinwalsertal mal mein Zuhause. Vor mehr als 50 Jahren! Damals hatten unsere Eltern meine Schwester Ingrid und mich aus Mexiko ins verschneite Österreich geschickt – um Skifahren zu lernen. Und Deutsch. Würde ich überhaupt etwas wiederkennen?

Plötzlich taucht ein Schild auf: Riezlern – der erste von drei Orten im Tal. Gefolgt von Hirschegg und Mittelberg. „Wir sind da!“, rufe ich. „Hier haben Ingrid und ich damals gewohnt. Im Hochgebirgs-Kinderheim Sonnleiten.“
Riezlern macht einen beschaulichen Eindruck. Schmucke Häuser, hübsche kleine Geschäfte, einladende Hotels und Pensionen. Nein, hier ist die Zeit nicht stehen geblieben. Doch sie scheint langsamer zu vergehen als in deutschen Großstädten.

„Das ist die Breitach! Hinter der Brücke über dem Fluss müssen wir rechts abbiegen.“ Ja, jetzt erinnere ich mich. Und mein Herz pocht hoch bis in den Hals. „Es gibt auch eine Breitachklamm. Da müssen wir unbedingt spazieren gehen. Haben wir früher als Kinder auch gemacht.“ Ach, bin ich aufgeregt!

Dann liegt es rechterhand. Eggstraße 14. Das Breitachhus, ehemals Kinderheim Sonnleiten. Überwiegend aus Holz gebaut, mit Blumen an den Balkonen. Von saftigen Wiesen umgeben und mit traumhaftem Ausblick in die imposante Walser Bergwelt – Widderstein, Ifen, Elfer und Zwölfer, vis-à-vis die Kanzelwand.

Der Empfang ist herzlich, das Frühstück am nächsten Morgen fantastisch, die Atmosphäre familiär. Die meisten Urlauber – das Breitachhus verfügt über acht Doppelzimmer und zwei Appartements – sind Stammgäste. Sie berichten von ihren erlebten Wanderungen, erzählen von den Plänen für den heutigen Tag. Man tauscht Tipps und Erfahrungen aus.
Anschließend habe ich Gelegenheit, mit unserer Wirtin zu plaudern. Christl Riezler heißt sie. Wie der Ortsname? Ja. Ehemann Harald ist offenbar Nachfahre eines alten Bauerngeschlechts aus dem Kanton Wallis. Um 1300 kamen die Riezler – auch Rössler oder Ruetzler – von dort über den Hochalp-Pass, bewirtschafteten im Breitachtal, wie es zu jener Zeit hieß, den Boden und gaben der Siedlung ihren Namen.

Das Breitachhus wurde anno 1677 erbaut. „In den 30er Jahren war es das erste Haus im Tal, das Fremdenzimmer anbot“, sagt Christl. Sie und ihr Harald erwarben das Haus 1973, bauten den Hof nach und nach ebenso geschmackvoll wie umweltbewußt zu dem aus, was er heute ist: eine moderne Pension, die sich den ursprünglichen Charme bewahrt hat.
Christl und ich sitzen auf der Bank vor dem Haus, blättern in alten Fotoalben. „Vor uns war das Haus im Besitz von zwei Damen aus Hamburg, Sofie Scheu und Olga Roeder“, erklärt Christl. „Ab 1952 betrieben sie im Breitachhus das Kinderheim Sonnleiten – und sollen es liebevoll, aber mit strenger Hand geführt haben.“

Oh ja! Das weiß ich noch: 7 Uhr Frühstück, 8 Uhr Unterricht, zwei Stunden Skifahren, Mittagessen um Punkt 12 Uhr, Mittagsschlaf im Liegestuhl auf der Sonnenterrasse. „Tante“ Resi aus der Küche servierte Schmalzbrote, und es ging wieder auf die Piste. Danach Hausaufgaben machen, Abendessen um 18 Uhr, Nachtruhe.

Oft kam Ingrid in mein Bett gekrochen, und wir unterhielten uns noch. Meist über Hans Specht, unseren Skilehrer. Alle Mädchen und Jungen waren von ihm begeistert. Ja, der Hans war ein fescher Kerl. Zuerst fuhr er mit uns den Anfängerhügel hinunter, direkt am Breitachhus. Wohlgemerkt: Einen Lift gab es dort nicht. Wir mussten immer zu Fuß wieder den Berg rauf, waren am Abend richtig müde. Ganz zum Schluss nahm er uns mit auf den Gehrenhang, eine schwarze Piste.

„Wenn du so fleißig weiter trainierst, bist du irgendwann reif für Olympia“, sagte Hans eines Tages zu mir. Ich weiß bis heute nicht, ob er das ernst meinte. Eine Teilnehmerin an den Winterspielen aus Mexiko – na, das wäre ja was gewesen …
Jedenfalls hatte ich die Augen voller Tränen, als Ingrid und ich wieder nach Hause abreisten. Daran erinnere ich mich genau, als ich nun eine Inschrift am Breitachhus lese: „Wohl fand ich oft, was Herz und Augen mir ergötzte – doch nichts, was meine Berge mir ersetzte“.

Auch dieses Mal fällt der Abschied schwer. Unsere Stippvisite war viel zu kurz – reichte gerade mal für einen Spaziergang durch die zauberhafte Breitachklamm, eine Gondelfahrt hinauf zur Kanzelwand sowie eine kleine Wanderung. Ich gebe mir selbst das Versprechen, mal wieder ins Kleinwalsertal zu kommen. Für einen längeren Urlaub. Und bis dahin werde ich nicht wieder 50 Jahre verstreichen lassen …

Autor: Ana Bostelmann

© Fotos: Frank Drechsel, Alexander Rochau – Kleinwalsertal Tourismus eGen

15. Oktober 2017

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