Asien | Südostasien

Bezaubernde Bergwelt VIETNAM

Eine atemberaubende Natur und Menschen mit einer Gastfreundschaft ohnegleichen machen den Norden des Landes zu einem offenen Geheimtipp nicht nur für Trekkingfreunde.

Sapa - Startpunkt für Treckingtouren ins nahe Hoang-Lien-Son-Gebirge (© Foto: Karsten-Thilo Raab)

Das buddhistisch geprägte Vietnam bringt man sicher nicht mit dem Weihnachtsmann in Verbindung. Und doch ­tummeln sich zahlreiche Gestalten mit roten Kopftüchern und weißem Saum am Wegesrand. Einige tragen schwer – wenn auch nicht unbedingt gut gefüllte Jutesäcke. Nein, diese Wichtel bringen keine ­Geschenke. Sie ernten Reis, fegen mit einem Reisigbesen, knüpfen Teppiche oder schnitzen Holz. Und: Sie sind weiblich.

Die emsigen Damen, die freundlich ihre vergoldeten Zähne aufblitzen lassen, gehören den „Roten Dao“ (auch „Dzao“) an, einem von 27 Volkstämmen, die im gebirgigen Norden Vietnams leben. All diese ethnischen Minderheiten sind in der Regel an ihren Kopfbedeckungen zu unterscheiden. Einige schwärzen die Zähne oder rasieren sich als Zeichen ihrer Zugehörigkeit zu einem bestimmten Bergvolk die Augenbrauen ab. Sie kauen meist mit Hingabe Betelnuss und tragen oft schweren Silberschmuck.

„Diese Stämme leben im Hier und Jetzt, verschwenden wenige Gedanken an die Zukunft“, erklärt Nguyễn Quốc Anh, der zwar heute in der Hauptstadt Hanoi lebt, aber noch oft in seine ­bergige Heimat zurückkehrt. „Wer kann, trägt seinen bescheidenen Reichtum gut sichtbar in Form von Zahngold oder Schmuck zur Schau.“ Mit einem Bündel auf dem Rücken und voll gestopften Tüten in den Händen gehen die ­Frauen der Roten Dao bergauf in ­Richtung Sapa, um dort ihre ­Handarbeiten und kargen Ernteerträge feilzubieten. Die 38.000-Seelen-Gemeinde liegt rund 1.500 Meter über dem Meeresspiegel am Fuße des oft Wolken verhangenen Phan Si Pang. Der mit 3.143 Metern höchste Gipfel Vietnams gilt zugleich als südlichster Ausläufer des Himalayas. Im Schatten des Gebirgsriesen bauten einst die französischen Kolonialherren das frühere Berg­dorf zu einem Luftkurort mit Sanatorium aus.

Spontane Glücksgefühle in alpiner Kulisse

An die steilen Hänge auf dem Weg nach Sapa schmiegen sich unzählige ­Reisterrassen. Es geht vorbei an einfachen Holzhütten und Dörfern, in denen die Bergbewohner mehr schlecht als recht von den kläglichen Erträgen der mühevollen Landwirtschaft leben können. Hier ist der Reisanbau noch echte Handarbeit. Landwirtschaftliche Maschinen kann sich niemand leisten. Bestenfalls einen Wasserbüffel.

Im touristisch geprägten Sapa findet sich neben zahlreichen Hotels, Restaurants, Cafés und Outdoor-Ausstattern die gefühlt ­größte Massage-Salon-Dichte der Welt. Nahezu in jedem Häuserblock werden für umgerechnet rund drei Euro entspannende Behandlungen für Rücken, Nacken und Füße angeboten. Ein Phänomen, das mit den Strapazen der Anreise über endlos lange Serpentinen, aber auch mit den Kräfte zehrenden Wanderungen am Rande des Hima­layas zusammenhängen mag. Denn das Gros der Besucher kommt nach Sapa, um von hier aus in den umliegenden Gebirgen des Hoang-Lien-Son zu wandern oder zu einer mehrtägigen Trekkingtour aufzubrechen.

Ein beliebtes Etappenziel ist dabei der Cat-Cat-Wasserfall, der sich rund drei Kilometer vor den Toren der Stadt inmitten eines Bambuswaldes dröhnend in die Tiefe ergießt. Und rund zehn Kilometer westlich von Sapa zieht der 100 Meter hohe Tha Bac, der Silberwasserfall, die Wanderer in seinen Bann.

Etwas weniger schweißtreibend, aber nicht minder spannend ist ein Fußmarsch in die rund zehn Kilometer entfernt liegenden Dörfer Ta Van und Lao Chai. Vorbei an scheinbar end­losen Reisterrassen geht es dabei zunächst nur talwärts. Frei laufende Wasserbüffel grasen hier friedlich vor sich hin oder schlappen gemütlich über die Straße.

Etwas gewöhnungsbedürftig ist, dass kurz hinter dem Ortsausgang von Sapa zahlreiche indigene Souvenirverkäuferinnen mit selbst gefertigten Armbändern oder Holzschmuck den Wanderern auflauern. Denn diese Berg­bewohnerinnen können überaus stoisch sein und für den Besucher aus dem Ausland ungebeten zu dauer­haften Reisebegleitern werden. Bis zu drei Stunden und mehr sind sie sein Schatten, um zwischendurch immer mal wieder lächelnd den Versuch zu unternehmen, ihre Souvenirs doch noch mit beeindruckender Hartnäckigkeit an den Mann oder die Frau zu bringen.

So lästig man diese spezielle Form des ­Schattenspiels auch finden mag, so gerät die Verfolgung beim Anblick der Hoang-Lien-­Son-Bergkette doch irgendwann in Ver­gessen­heit. Denn es ist absolut faszinierend, welche Glücksgefühle die der alpinen Kulisse vor ­allem im Morgenlicht auslösen kann. Dichte Nebelschwaden ziehen durch die Landschaft, teilen den Himmel, die Bergspitzen und das ­unten liegende Tal in verschiedene Abschnitte. In Sekundenschnelle wechselt dabei das Licht und sorgt für spektakuläre An- und Aussichten.

Ganz anders ist es in den Abendstunden. Nicht nur, dass die Berge nun überaus mystisch wirken. Nein, sobald die Sonne untergeht, sinkt die Temperatur in und um Sapa schlagartig. Nicht von ungefähr tragen die Kellner in ­vielen Restaurants daher dicke Daunenjacken und teilweise sogar Mützen. Will sagen: Ohne dicken Pullover oder eine zusätzliche Jacke sollte sich niemand auf Wanderschaft begeben.

Ob die Menschen und speziell die Kinder in den Dörfern um Sapa angesichts der ärm­lichen Zustände glücklich sind, darüber lässt sich allen­falls spekulieren. Fakt ist: Einige gucken ein wenig bedröppelt, andere hüpfen fröhlich mit einem Seil, spielen mit Steinchen und ­leeren Plastikflaschen oder reiten entspannt auf einem gut genährten Wasserbüffel.

Europäische Langnasen sind herzlich willkommen

Die Häuser in Ta Van und Lao Chai sind meist spartanisch eingerichtet. Dünne Bretterwände bieten zumindest ein wenig Schutz vor dem Unbill des Wetters und der im Winter doch großen Kälte. Eine Kochstelle, ein paar Bilder an den Wänden, eine funzelige Lampe, eine Matratze auf dem Boden, dazu noch ein Tisch mit ein paar einfachen Schemeln – mehr findet sich in den meisten Häusern nicht.

Wer möchte, kann sogar gegen ein kleines Entgelt von 50.000 Vietnamesischen Dong, was knapp zwei Euro beträgt, unter dem Dach der Familien nächtigen – fernab von Luxus und Komfort. Bei einem solchen „Homestay“ dient ein einfaches Matratzenlager als Schlafstätte. Etwas gewöhnungsbedürftig sind dabei in der Regel die sanitären Einrichtungen. Wie überall in Vietnam werden Toiletten auch in Ta Van und Lao Chai liebevoll „Happy House“ genannt. Doch in puncto Hygiene und Geruch machen diese meist nur bedingt happy.

Gleichwohl wirken die Menschen, die in aller Regel nicht mehr als ein paar Brocken Englisch verstehen, ungeachtet der einfachen Lebensweise überaus zufrieden. Sie winken fröhlich, posieren bereitwillig für Fotos. Und immer wieder laden die Dorfbewohner die Wanderer zu einem Tee oder selbst gemachtem Schnaps ein oder bieten frisch gebackenes Brot an.

Zurück im großstädtischen Sapa herrscht reger Betrieb auf dem Platz vor der – ungewöhnlich für Vietnam – katholischen Kirche. Einige Jugendliche spielen Federfußball, die älteren Leute hocken zusammen und reden. Und es dauert nie lange, bis auch wir europäischen „Langnasen“ zum Mitspielen oder Mitreden aufgefordert werden. Ja, neben der atemberaubenden Kulisse der Hoang-Lien-Son-Bergkette ist es diese Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, die den Reiz von Sapa ausmacht.

 

Autor: Karsten-Thilo Raab
© Fotos: Karsten-Thilo Raab, reisehunger.com

24. Juli 2017

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