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Reggae im Sonnenuntergang JAMAIKA

Rastafari, Piraten und Krokodile – nichts ist vergleichbar mit der drittgrößten Karibikinsel. Die Menschen sind relaxed und überaus freundlich. Und seit kurzem ist Tauchen purer Genuss.

Karibik-Feeling (© Foto: Bettina Bormann)

"Ya man", sagt Carey Dennis mit einem breiten Lächeln. So beendet unser Guide fast jeden zweiten Satz. Ob am Strand, in der Tauchbasis, im Restaurant – mit einem "ya man" ist man ganz nah dran am relaxten jamaikanischen Patois-Small-
talk. Aber jetzt geht es um ein ernstes Thema: "Früher, in den 1980er Jahren, gab es Hunderte von Conchs im Wasser", erinnert sich Carey. "Ya man, de good ol‘ days", entgegnet Camillo Trench vom Discovery Bay Meereslabor, rund eine Autostunde westlich von Montego Bay gelegen. Gegessen wird die Fechterschnecke immer noch. "Überfischung, Klimawandel, Verschmutzung", benennt der Meeresbiologe die Probleme der Insel.

Aber es tut sich längst etwas: Seit dem Jahr 2010 wurden rund um Jamaika 17 Meeresschutzgebiete ausgewiesen. In diesen Zonen ist das Fischen verboten, Mangroven werden gepflanzt, Korallenriffe und Seegraswiesen können sich erholen, die Eiablage von Meeresschildkröten wird überwacht und in Fischaufzuchtstationen wird der Nachwuchs aufgepäppelt. Parallel dazu werden die Rotfeuerfische, Invasoren aus dem Roten Meer, dezimiert. Und: "Wir organisieren Strandsäuberungsaktionen mit Schulkindern", berichtet Camillo Trench. "Nuh dutty up Jamaica" heißt die staatlich geförderte Kampagne. Die Bemühungen zeigen Erfolge: "Der Fischbestand hat sich um 500 Prozent erhöht", sagt er und beendet seinen Satz mit einem energischen: "Ya man!"

Die Aussage, Jamaika sei für Taucher uninteressant, gehört definitiv der Vergangenheit an. Bei unseren beiden Tauchgängen mit Camillo in der Runaway Bay treffen wir auf quirlige Fischschwärme und eine wunderschöne Unterwasserlandschaft. Unser Eindruck wird rund 50 Kilometer weiter östlich, in Oracabessa, erneut bestätigt. Im hiesigen Schutzgebiet am James Bond Beach gibt es ein Korallenaufbauprogramm. Die ausgedienten Fischfangkäfige am Strand sind stumme Zeugen der Vergangenheit.

Nur einen Steinwurf entfernt liegt Golden Eye, das frühere Anwesen des Schriftstellers Ian Fleming, zugleich die Wiege des berühmtesten Geheimagenten der Welt: James Bond. Golden Eye ist heute eine exklusive Ferienanlage. Der Eigentümer, Chris Blackwell, Gründer des Musiklabels Island Records, war in jungen Jahren als Location Scout für den ersten 007-Film überhaupt tätig: Sean Connery alias James Bond jagt als Agent 007 Dr. No. Bei Ocho Rios entstieg Ursula Andress in ihrem für das Jahr 1962 skandalösen Bikini den karibischen Wogen. Diese Bilder prägen bis heute die Fernwehfantasien von Traumstränden und türkisblauem Meer. Auch "Leben und sterben lassen" von 1973 und "Der Mann mit dem goldenen Colt" von 1974 wurden teilweise auf Jamaika gedreht.

Unvergesslich auch die Szene, als sich Roger Moore alias James Bond mit einem Lauf über fünf Krokodilrücken befreien musste! Gedreht wurde sie auf dem Gelände der Krokodilfarm "Jamaica Swamp Safari" nahe Falmouth. Gleich am Eingang stellt ein Schild klar: "Unbefugte werden gegessen!" Der Eigentümer des Zoos agierte damals als Stuntman: "Ya man, der hieß wirklich Kananga", klärt uns Donald Roach auf, der bei den Dreharbeiten dabei war. Übrigens fanden auf dem Gelände auch Dreharbeiten für den Film "Papillon" statt.

James Bond hechtete auf Jamaika über fünf Krokodile

Ein weiterer Hollywood-Streifen, der auf Jamaika gedreht wurde, ist "Die blaue Lagune" mit Brooke Shields und Christopher Atkins. In Port Antonio kann man ein Bambusfloß mieten und über das unvergleichliche Blau der Blue Lagoon schippern. Das Wasser ist magisch: Im Tagesverlauf wechselt es seine Farbe von Türkis über Saphirblau bis hin zu Königsblau.

Weiter geht es Richtung Osten. Schmucke Häuser säumen die Straßen, aber auch viele Siedlungen mit ärmlichen Behausungen, winzige Holzhütten mit Wellblechdächern, magere Hunde, die träge in der Hitze dösen. Einheimische tauchen im grünen Nirgendwo auf und halten Obst in die Höhe. Jeder noch so kleine Beitrag zum Familieneinkommen ist hilfreich. Die Zahl der nur halb fertig gestellten Häuser sticht ins Auge. "Ya man", sagt Carey, "die Familien ziehen erst einmal ein und bauen ihr Haus nach und nach fertig, wenn mal wieder etwas Geld da ist." Die Landschaft ist grün und hügelig, wir erreichen das üppig bewachsene Portland. Hier im East Portland Fish Sanctuary wird die Regeneration von Mangroven und Riffen gefördert. Die Bucht ist wunderschön, sogar Delfine lassen sich hier gelegentlich blicken, erfahren wir. Ein weiterer Schachzug, um die Naturschönheiten zu fördern und zu schützen: "Wir wollen hier das Tauchen populär machen", erklärt uns Lee-Ann Widener von der Tauchbasis Lady G‘Diver in der Marina Errol Flynn. Denn mit den Tauchtouristen kommt nicht nur Geld ins Land, sondern auch ein Bewusstsein für die Umwelt. Das Projekt genießt prominente Unterstützung: Francesca von Habsburg, Taucherin seit früher Jugend, engagiert sich für das Meer.
Wir übernachten in Port Antonio, in den Goblin Hill Villas. Von einem paradiesischen Tropengarten, der erfüllt ist von Vogelgesang und dem nächtlichen Konzert der Antillenpfeiffrösche, blickt man auf die San San Bay. Zwei Köchinnen machen sich in der Küche unserer Villa zu schaffen. Auf dem Speiseplan steht "home cooked meal" – Fisch, Süßkartoffeln, Kochbanane, rote Bohnen und Kürbis mit einer süchtig machenden scharf-süßen Jerk-Soße. Dazu gibt es frischen Fruchtsaft und eiskaltes Red Stripe, das jamaikanische Lagerbier, aus den kugelförmigen Flaschen.

Nur rund drei Millionen Menschen leben auf Jamaika. Und doch hat die Karibikinsel tiefe Spuren im kollektiven Gedächtnis hinterlassen: Von hier stammen Musikrichtungen, die den ganzen Globus beeinflusst haben – wie Ska und Reggae –, von hier kommen seit vielen Jahren die mit Abstand besten Sprinter und hierher hat es immer wieder die Mondänen der Welt gezogen. "Wusstet Ihr, dass Errol Flynn auf Jamaika das Rafting als Amüsement erfunden hat", erkundigt sich Carey Dennis. Der australisch-amerikanische Schauspieler lebte zeitweise mit seiner dritten Frau in Port Antonio. Als Partyspaß für seine Gäste stattete er die Bambusflöße, die für den Transport von Früchten aus den Berghöhen genutzt wurden, mit Sitzbänken aus. Sie brauchten oft Stunden, um ins Tal zu gelangen, denn zwischendurch gab es ausgiebige Pausen, in denen gezecht wurde.

Weiter geht unsere Fahrt nach Kingston. Die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch; die Regenfälle der vergangenen Tage haben Spuren hinterlassen, die Straße ist teilweise weggespült. Im Zentrum jeder jamaikanischen Stadt gibt es einen Platz mit einer großen Standuhr, ganz nach altenglischem Vorbild. Hier herrscht geschäftiges Gewusel: Lädchen mit den Dingen für den täglichen Bedarf, Andenkenshops und Jerk-Grillstände, in denen das über Pimentholz gegarte und mit der typischen süß-scharfen Sauce gewürzte Hühnchenfleisch angeboten wird. Eine Gruppe von Männern mit langen Rastalocken hat es sich vor einem Haus gemütlich gemacht. Süßer Rauch steigt auf. Seit April 2015 dürfen Erwachsene für den Eigenbedarf in privater Umgebung gut 50 Gramm Marihuana besitzen. Aus dem Auto, das neben uns an der Ampel steht, dröhnen Bässe in Discolautstärke, Dancehall. "Wha gwaan?" ruft einer der Typen rüber. Carey entgegnet träge: "Notten." Übersetzt: "What is going on?" Antwort: "Nothing." Eine typische jamaikanische Unterhaltung. Carey schüttelt den Kopf: "Diese Musik hat doch keine Aussage. Das einzig Wahre: Roots-Reggae." Ya man!

Die Texte im Roots-Reggae sind geprägt von religiösen Lobpreisungen und politischen Themen wie Armut und Unterdrückung. Wichtigster Vertreter dieser Richtung ist Bob Marley, der unvergessene Held von Jamaika. Wir steuern das Museum in der Hope Street, Kingston, an. In diesem schönen, alten und keine Spur angeberischen Haus hat er gelebt. An den Mauern im Außenbereich prangen überlebensgroße Fotos. Vor dem Haus steht eine Skulptur von dem Künstler mit löwenhafter Rastamähne und Gitarre. Das Interieur des Hauses erzählt vom Leben und Wirken des mit nur 36 Jahren verstorbenen Jamaikaners. Der Guide singt inbrünstig die wichtigsten Stücke an. Eineinhalb Stunden dauert die Führung, die sich nicht nur für eingefleischte Fans lohnt! Wer sich der Kindheitsgeschichte des bekennenden Rastafaris Bob Marley annähern möchte, kann den Trench Town Culture Yard besuchen. Hier ist der kleine Bob aufgewachsen: Zu den Bewohnern seiner Zeit zählten auch Peter Tosh und Bunny Wailer.

Wer Reggae live und in familiärer Atmosphäre erleben will, sollte unbedingt den Jamnesia Surf Club in der Bull Bay, östlich von Kingston, besuchen. Dieses bunte Utopia ist Surfschule, Bar, Jam-Club, Restaurant und Hotel. Betreiber ist Anthony Wilmot, alias Billy Mystic, der mit seiner Band The Mystic Revealers seit den späten 1970er Jahren auf der Bühne steht. Der Musiker ist zugleich eine jamaikanische Surferlegende und machte den Surfsport in Jamaika populär. Sein Jamnesia Surf Camp ist heute ein zentraler Treffpunkt der Surfergemeinde. Hunderte von ausgedienten Surfbrettern dienen als Dekoration. Samstags ist Jam-Session im Hof. Billy findet allerdings: "Es ist ein Skandal, dass es hier auf Jamaika nicht viel mehr Festivals und Clubs gibt, in denen Live-Musik geboten wird!" Er zieht an seiner streichholzdünnen Zigarette und wirft seine grauen Dreadlocks, die ihm bis zur Taille reichen, mit einer energischen Kopfbewegung zurück. Seine Diagnose: "Es fehlt an der staatlichen Förderung, ya man!"

Wir reisen in die Vergangenheit: Unser Ziel ist Port Royal, eine Insel vor Kingston, deren großer Teil beim Erdbeben und anschließendem Tsunami am 7. Juni 1692 vom Meer verschluckt wurde. 6.000 Menschen, vor allem Piraten und Freibeuter, lebten seinerzeit dort, 3.000 von ihnen verschwanden für immer. Die Stadt galt einst als die reichste der Welt; sie wurde aber auch "the wicked city" genannt, die verruchte Stadt, verschrien für ihre Sittenlosigkeit. Noch heute leben die Nachfahren der Piraten auf dem Gelände. "I don‘t steel, I don‘t lie, I don‘t rob" – der Guide im Fort stellt klar, dass die "böse Saat" vom Meer verschluckt wurde. Die rund 2.000 Menschen, die heute noch in Port Royal leben, hausen in Bretterbuden und fristen ein mehr als einfaches Leben. Aber fort will hier niemand, auch wenn die Regierung regelmäßig bei Hurrikangefahr Busse bereitstellt, um die Menschen aus dem Gefahrengebiet zu schaffen. "Wir gehen hier nicht weg", heißt es dann trotzig: "Wir würden es riechen, wenn wirklich Gefahr drohen würde!"

Im Fort Charles Museum wird das Unglück anhand von alten Karten und vielen Fundstücken dokumentiert. Sogar eine Uhr ist zu sehen, die exakt um 11.42 Uhr stehen geblieben ist – genau zu dem Zeitpunkt als sich die Naturkatastrophe ereignete. Die Spuren der versunkenen Stadt wurden im Rahmen eines zehnjährigen Forschungsprojekts untersucht. Ein Teil der Stadt ist fast senkrecht untergegangen. Vieles ist völlig zerstört, vieles intakt. Tauchen darf man hier jedoch nur mit Sondergenehmigung und zu Forschungszwecken.

Wir tauchen mit dem Meeresbiologen Jaedon Lawe von der Tauchbasis Yardie Divers. Rund 15 Minuten fahren wir mit dem Boot hinaus, unser Ziel: Die Texas, ein Wrack, das südöstlich von Port Royal liegt und bei einer Kollision im Jahr 1944 gesunken ist. Das gut 30 Meter lange Wrack ist mit schwarzen Korallen bewachsen und birgt eine enorme Fischpopulation. Tarpune und Barracudas beäugen uns neugierig.

Unser Fazit: Es riecht nach Aufbruch in Jamaika – viel wird für die Gesundung der Meeresflora und -fauna getan. Die Bemühungen fruchten: Das Tauchen ist jetzt schon schön und es wird in den nächsten Jahren eine Freude sein, die Fortschritte zu verfolgen. Die Jamaikaner meinen es ernst – sie lieben ihr Land, wollen ihm zu mehr Wohlstand verhelfen und dafür sorgen, dass sich die Natur regenerieren kann. Und damit helfen sie sich selbst ebenfalls! Ya man!


Autor: Bettina Bormann

© Fotos: Bettina Bormann, Jamaica Tourist Board

09. Juli 2018

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